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Was blieb, ist „Schulschiff Deutschland“
Vor 100 Jahren wurden der Deutsche Schulschiff-Verein gegründet
Mit einem Festakt in der oberen Halle des Bremer Rathauses feierte der Deutsche Schulschiff-Verein (DSV) am 26. März seinen 100. Geburtstag. Unter den 300 geladenen Gästen befinden sich viele Nachkommen der Gründer, die im Jahr 1900 dem Aufruf des Erbgroßherzogs Friedrich August von Oldenburg folgten und sich am Gründungszeremoniell beteiligten. Von den sechs Großseglern, die der Verein in seiner Geschichte besaß, ist allein  „Schulschiff Deutschland“ geblieben. Der Segler liegt seit 1996 stationär in der Bremer Vorstadt Vegesack und wird nur noch eingeschränkt für die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses der Handelsschifffahrt genutzt. Im Mittelpunkt stehen inzwischen eher touristische Belange. Hochzeiten und Taufen in der Kapitänssuite haben dort ebenso Konjunktur wie Tagungen oder Feste in den Räumen unter Deck des 86 Meter langen Seglers.
Woran es vor 100 Jahren vor allem fehlte, so berichtet die Chronik des DSV, waren Segelschiffe, auf denen der Nachwuchs „die richtige“ praktische Seemannschaft erlernen konnte. Die Flotte der Segler schrumpfte, und Dampfer, da waren sich die Reeder einig, eigneten sich wenig zu Ausbildungszwecken
Der marinebegeisterte Erbgroßherzog Friedrich August von Oldenburg übernahm die Initiative. Sogar den Kaiser konnte er begeistern; Wilhelm II. stiftete aus seiner privaten Schatulle 5.000 Mark, Fürstenhäuser wie Thurn und Taxis und Hohenzollern beteiligten sich vielfältig durch Stiftungen und Legate. Auch die Industrie folgte dem Ansinnen des Vereins. Aus der Familie Siemens waren gleich drei Mitglieder im DSV, „Kommerzienräthe“ wie Boveri, Guilleaume, Borsig, Underberg, Hösch oder Faber-Castell waren Gründungsmitglieder und die deutschen Reedereien von Hamburg-Süd bis zum Norddeutschen Lloyd engagierten sich finanziell und personell. Auch die Senate aus den Hansestädten Lübeck, Hamburg und Bremen erklärten sich zu finanzieller Unterstützung bereit, die auf breiter auch politischer Basis stand. Schließlich waren Vertreter fast aller Parteien und sogar der Vizepräsident des Reichstages unter den Gründern.
Schon ein Jahr nach der Gründung schifften sich die ersten „Zöglinge“ auf der „Großherzogin Elisabeth“ ein. 1910 folgte ein zweites Vollschiff, die „Prinzess Eitel Friedrich“ und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges die 85-Meter-Bark „Großherzog Friedrich August“. Erst 1927 lief auf der Joh.C. Tecklenborg-Werft im heutigen Bremerhaven „Schulschiff Deutschland“ vom Stapel. Und ein Jahr später stellte der Verein die Bark „Schulschiff Pommern“ in Dienst, die allerdings schon nach wenigen Monaten in einem Orkan schwer beschädigt und anschließend abgewrackt wurde.
Der Weg, den die ersten drei Großsegler nahmen, ist auch ein Spiegelbild für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert. „Großherzogin Elisabeth“ wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten übernommen und liegt als Museumsschiff „Duchesse Anne“ in Dünkirchen. „Prinzess Eitel Friedrich“ und „Großherzog Friedrich August“ wurden bereits 1920 in Folge des Ersten Weltkrieges als Reparationsleistung abgegeben. Auch diese Schiffe blieben erhalten. Das erste liegt in Gdansk (Danzig ) als „Dar Pomorza“(„Geschenk Pomeraniens“) unter polnischer Flagge, das zweite gelangte über England nach Norwegen, segelt dort als „Statsraad Lehmkuhl“ und wird im September dieses Jahres bei der deutschen Marine in Vertretung der „Gorch Fock“ erstmals 200 deutsche Marineoffiziersanwärter zur Ausbildung an Bord nehmen.
Bis zu 2000 Ausbildungsplätze zeitgleich bot der Schulschiff-Verein in seiner Geschichte, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter neuen Vorzeichen fortgeschrieben wurde. „Schulschiff Deutschland“ lag im Bremer Europahafen und wurde als Jugendherberge genutzt und der Bedarf als gut ausgebildeten deutschen Seeleuten erreichten auch in späteren Jahrzehnten nie wieder das Volumen wie zum Beginn des Jahrhunderts.
Am 1. April 1952 schifften sich die ersten 18 Jungen zur seemännischen Ausbildung wieder ein, die von Bremer Reedereien am Ende ihrer Ausbildung zumeist in den praktischen Borddienst übernommen wurden. Bis 1972 fand dieser stationäre Schulschiffbetrieb statt, danach baute der Verein die „Schulschiff Deutschland“ um und nutzte den ehemaligen Segler als Schul-Internat und Ausbildungswerkstatt.

Ein Schiff zum Wohnen und Arbeiten

In den sechziger Jahren gab es einen Versuch, diese stationäre Form der Ausbildung beim Deutschen Schulschiff-Verein um ein segelndes Ausbildungsschiff zu ergänzen. Mit Hilfe der teilweise beigesteuerten Versicherungssummen von „Pamir“ und „Passat“, die ausschließlich für Ausbildungszwecke ausgegeben werden durften, konnte der Verein in Dänemark eine 30 Meter lange Ketsch erwerben, die bei der Lürssen-Werft in Vegesack den letzten Schliff als Ausbildungsschiff erhielt. Getauft auf den Namen „Seute Deern“ geriet die Finanzierung des Schiffes schnell an die Grenzen des Vereins: Kompetenzprobleme zwischen Bund und Ländern verhinderten zudem die Finanzierung der Ausbildung an Bord, wie der Vorsitzende des Vereins (seit 1969), der Vorstand des Norddeutschen Lloyd, Dr. Horst Willner, beklagte. Auch ein zweiter Versuch, die Bordausbildung zu realisieren, war langfristig nicht erfolgreich. 1967 hatte der Verein die „Seute Deern“ an den Norddeutschen Lloyd verchartert, unter seiner Regie wurden danach etliche Auslandreisen mit Steuermannsanwärtern durchgeführt. Doch mit der Änderung der Schiffsbesetzungsordnung 1970, die keine Bordausbildung mehr vorsah, kam auch das Aus für die Gaffelketsch unter der Regie des DSV. Die „Seute Deern“ wechselte zum Deutschen Jugendwerk zur See „Clipper“ und ermöglichte vielen Tausend Jugendlichen einen tiefen Einblick in die Erlebniswelt Seefahrt.
Mit dem Verholen von „Schulschiff Deutschland“ aus Bremen nach Vegesack 1996 und dem beinahe gleichzeitigen Wechsel des früheren Norddeutschen-Lloyds-Vorstandes Dr. Horst Willner an den ehemaligen Bremer Wirtschaftssenator Claus Jäger an der Spitze des Schulschiff-Vereins ging auch eine konzeptionelle Änderung in den Aufgaben des Vereins einher. Noch immer werden Schiffsmechaniker, wie sie heute heißen, an Bord ausgebildet. Gleichzeitig aber gilt es für den Verein, das letzte deutsche Vollschiff als maritimes Denkmal zu erhalten, Traditionen zu pflegen und vielleicht sogar ein neues Selbstverständnis der Ausbildung für die maritime Erlebniswelt zu finden.
Ideen gibt es dafür jede Menge. Die nächste Reise der „Schulschiff Deutschland“ steht sogar schon fest, wie zu früheren Zeiten am Haken zweier Schlepper weserabwärts. Anfang September 2000 geht es nach Bremerhaven zur „Sail“, wo auch ehemalige „Zöglinge“ den Geburtstag des Schulschiff-Vereins feiern werden. Dabei wird es erstmals zu einem Treffen zwischen „Schulschiff Deutschland“ und „Großherzog Friedrich August“ kommen, denn die Sail-Organisatoren haben für die beiden „weißen Schwäne der Unterweser“ benachbarte Liegeplätze eingerichtet.

Wolfgang Kiesel